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Interview – Typ 4

Einen aktuellen Beitrag in Zeiten von Corona kann man hier lesen.

Das Basisdilemma der Typen, die im Herzzentrum angesiedelt sind –  auch als  Imagetypen  bezeichnet werden -, dass einfach Dazusein nicht ausreicht, um geliebt zu werden, löst Typ 4, indem er versucht, besonders, einzigartig zu sein – im Guten wie im Schlechten.

Die mĂŒndliche Tradition

Eingeleitet wird ein Interview nach der mĂŒndlichen Tradition typischerweise mit einer kurzen Geschichte (aus dem Leben) dieses Typs. Die Geschichten stammen aus der Feder eines Vertreters/Vetreterin dieses Typs,  sind also „typisch“. Deshalb kann es durchaus sein, dass manche Themen / Situationen Sie als Leser (ĂŒberhaupt) nicht ansprechen  vielleicht sogar Verwunderung auslösen. Beim Lesen des Interviews „klĂ€rt“ sich das fĂŒr Sie als Leser vielleicht auf.

Die Geschichte

Stell Dir nun vor, dass Du ein ganz besonderer Mensch bist. Das macht Dich auch einsam. Du fĂŒhlst Dich, als seist Du gleichzeitig der Allerbeste und der Allerschlechteste. Dazwischen ist nichts. Wie eine schöne Blume, die abgeschnitten, kunstvoll arrangiert, in einer Vase steht.

Stell Dir jetzt vor, Du begegnest einem Menschen, der Dich sehr anzieht. Ein besonderer Mensch, einer, von dem Du Dich wirklich verstanden fĂŒhlst. Endlich: daß es so etwas gibt. Alles ist ganz spontan. Du bist ĂŒberglĂŒcklich. Die Herzen fließen ineinander. Geschenke werden ausgetauscht, die von tiefer Bedeutung sind. Liebende Blicke bauen Vertrauen auf. Du fĂŒhlst Dich vital und lebendig. Wie ein knisterndes Feuer – Extase und SexualitĂ€t.

Doch irgendetwas stimmt nicht. Die BanalitÀt des Alltags schiebt sich zwischen Euch. Die geliebte Person wendet sich ab. Die Katastrophe ist wieder einmal da. Dir bricht das Herz. Aus den Scherben machst Du ein Kunstwerk. Es ist wunderschön.

Wenn Dir die Beschreibung nichts sagt: weit weg vom eigenen Typus. Begreife an diesem Punkt, wie schwierig es ist, die Persepktive der anderen zu verstehen.Wir verstehen nicht, wie der andere tickt.

Das Interview

Gibt es irgendetwas, was Dir an dieser Geschichte vertraut ist?
Es ist wirklich eine ganze Menge drin. Mir ist aufgefallen, dass ich an Menschen ganz stark wahrnehme, ob sie besonders sind und dass ich in meiner Jugend ganz stark auf Leute abgefahren bin, die ich besonders fand, ohne ĂŒberhaupt benennen zu können, worin das Besondere lag, aber sie mußten besonders sein. Was außerdem vertraut war in der Geschichte ist das GefĂŒhl der Herzensverbindung zwischen uns. Die Herzen fließen ineinander, das ist ein Kernsatz fĂŒr mich. Außerdem das mit den Blicken, gesehen werden ist fĂŒr mich ganz wichtig. Beispielsweise einen bedeutungsvollen Blick zugeworfen zu bekommen, da gibt es Blicke, die liegen Jahre zurĂŒck, an die ich mich noch ganz genau erinnern kann.

Es war also zumindest frĂŒher sehr wichtig fĂŒr Dich, dass Menschen besonders waren, da bist du gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig sehr darauf angesprungen. Ist es auch fĂŒr Dich wichtig, daß Du besonders bist?
Ich habe das GefĂŒhl, daß ich durch die Verbindung mit diesem Menschen auch besonders sein wollte, das war eigentlich sogar das Hauptmotiv dahinter. Dem lag sicherlich das GefĂŒhl zu Grunde, daß ich so, wie ich bin, nicht gut genug bin oder nicht genĂŒge. Manchmal, wenn Leute sich nicht weiter fĂŒr mich interessiert haben oder mir nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt haben, war mein erster Gedanke: ” Ich bin nicht interessant genug “.

Ich brauche viel Aufmerksamkeit, wenn ich sie nicht bekomme, empfinde ich eine Variation des Themas “Ich genĂŒge nicht”. Aber wenn ich besonders bin oder mich mit jemand Besonderem verbinde und es diese Verschmelzung gibt, dann genĂŒge ich vielleicht?
Ja, das geht sogar soweit: “Dann darf es mich geben, dann ist es in Ordnung, daß es mich gibt.”

Das macht ” besonders sein” sehr existentiell. Was hast Du alles getan, um besonders zu sein?
Ich erinnere mich hauptsĂ€chlich an das, was ich falsch gemacht habe. Das spricht ja jetzt auch BĂ€nde. Ich erinnere mich vor allen Dingen an die Situationen, wo ich mit dem GefĂŒhl zurĂŒckgeblieben bin: ” Hier habe ich es nicht geschafft “.

Besonderheit in eine negative Richtung?
Ja, hier gehöre ich nicht dazu, ich bin das schwarze Schaf oder ich schaffe es einfach nicht, hier richtig dazustehen. Ich kann mich abzappeln, wie ich will. Andererseits habe ich mir an der Uni einen Lehrer, einen hyperintellektuellen FĂŒnfermann, gesucht, den ich sehr verehrt habe, und ich wollte, daß er mich auch als besonders wahrnimmt. Der hat mich als besonders wahrgenommen und es hat mich zu unglaublichen HöhenflĂŒgen angespornt, fĂŒr die ich sonst die Energie vielleicht gar nicht gehabt hĂ€tte. Ich wollte ihm zu Gefallen wirklich ein fantastisches Examen machen, fantastische Arbeiten schreiben, die ich ihm auch zur Ansicht rĂŒberreichen könnte und an denen er dann Spaß hĂ€tte.

Es mobilisiert eine Menge Energien, als besonders wahrgenommen zu werden, aber die BefĂŒrchtung ist, als negativ besonders angesehen zu werden?
Ja. Was ich auch gemacht habe, um besonders zu sein: ich habe viele Gaben entfaltet, die ich habe, also zum Beispiel Geige gespielt, auch tausend Hobbys gepflegt: Ich habe mich da sehr getreten, in vielem gut zu werden, aber eher, um das GefĂŒhl zu kriegen, ich gehör hier zum Klub oder ich darf hier mitspielen.


 so ein Gegenanarbeiten gegen den Platzverweis, der befĂŒrchtet wird? Und nur wenn ich in dieser Weise besonders bin, meine Gaben in besonderer Weise entfaltet habe, dann darf ich dazugehören.
Ja, nur dann nehmen die mich als gut genug.

Und die andere HĂ€lfte der Fantasie ist: ” Ich bin das schwarze Schaf in der Herde, ich falle in negativer Weise als besonders auf und daher vom Rand des Universums herunter. ” Was ist mit dem Zwischenbereich, wenn Du einfach ein Schaf unter vielen in der Herde wĂ€rst?
Das ging lange Zeit nur, wenn die ganze Herde zusammen etwas Fantastisches produziert.

.. wenn es alle Superschafe sind oder alle schwarz sind?
Soweit bin ich nicht gegangen, aber Superschafe, das war schon gut, zum Beispiel im Orchester oder im Chor: wenn wir alle zusammen einen fantastischen Sound produzierten oder ein Werk auffĂŒhrten, das uns niemand zugetraut hĂ€tte, dann ist es mir gut gegangen und dann war es mir auch recht, daß ich dazu nur einen kleinen Teil beigetragen hatte.

Innerhalb der Riege der außerordentlichen Menschen ist es in Ordnung, ein Teil zu sein. Wenn man es einmal in Schulnoten ausdrĂŒckt, haben wir nun ĂŒber eine 1 oder eine 6 gesprochen, was ist mit dem Durchschnittsbereich, mit einer 3?
(stöhnt) Ich merke richtig, dass es fast so ist als dĂŒrfte es das nicht geben. Wenn ich zurĂŒckschaue, habe ich diese Dreiersituation oft unbewusst aber sehr effizient vermieden, und sich zurĂŒckzuziehen und einfach nur eine Arbeit zu schreiben an der Uni oder so, das galt auch nur, solange diese Arbeit dann spĂ€ter als besonderes Ergebnis dastehen sollte.

Es muss sichtbar gemacht werden, gesehen werden?
Wenn es ein paar Wenige sehen, die etwas davon verstehen, das reicht, aber die mĂŒssen etwas davon verstehen. Wenn die das gut finden, dann reicht das, das ist Ok. Ich glaube aber, dass ich diesen Bereich 3, Durchschnitt, befriedigend, gar nicht so kenne und ĂŒberlege gerade, wie ich ihn noch vermeide. Wenn ich zum Beispiel ein Projekt einfach zu Ende bringen soll, da mache ich mir alle möglichen Gedanken, da fĂ€llt mir etwas aus der Vergangenheit ein, dann kann ich melancholisch werden, oder ich trĂ€ume mir etwas zusammen, was in Zukunft passieren wird, aber ich bin nicht im Hier und Jetzt. Ich gehe nach hinten oder vorne in der Zeit, aber ich bleibe nicht in der Gegenwart.

Kann man sagen, Du malst Dir aussergewöhnliche Welten aus, um NormalitÀt, Durchschnitt zu vermeiden?
Diese Welten hat es schon auch gegeben. Ich erinnere mich dann eher an gefĂŒhlsintensive Augenblicke aus meinem Leben, entweder frohe oder traurige, aber nicht mittlere.

Du vermeidest die Gegenwart, indem Du in frohe oder traurige Erinnerungen gehst. Gehst Du ĂŒberwiegend in die Vergangenheit oder auch in die Zukunft?
Beides, aber eigentlich mehr in die Vergangenheit.

Kannst Du ĂŒber das GefĂŒhl von Verlassenheit sprechen. Es ist wohl ein HauptgefĂŒhl der Vieren?
Wieviel Zeit hast Du? Verlassenheit ist sicherlich das grĂ¶ĂŸte Angstwort fĂŒr mich, mit dem Wort ist etwas wie Todesangst verbunden. Das hĂ€ngt sicher auch an meiner Kindheitsgeschichte, dass ich wirklich schon als wenige Tage altes Kind solche sehr massiven Erfahrungen zwischen Leben und Tod gemacht habe. Es gibt Situationen, in denen eine so starke Todesangst aufkommt: ” Wenn dieser Mensch mich verließe
., wenn ich den nicht mehr hĂ€tte
., wenn ich hier auf einmal alleine wĂ€re

” . Manchmal komme ich mir dabei sehr kindlich vor, weil ich denke, als erwachsene Frau kann ich ja wirklich ganz gut fĂŒr mich sorgen und mein Lebenslauf zeigt, daß ich das bisher auch immer konnte.

Aber der Moment des Verlassenwerdens fĂŒhlt sich lebensbedrohlich an?
Total.

Was wĂŒrdest Du dann machen mit der Person, die Dich verlĂ€ĂŸt?
Die erste Reaktion ist Klammern: “Du kannst mich nicht verlassen, du kannst und darfst das jetzt nicht tun”. Das ist das GefĂŒhl, hundertprozentig von dieser Person abhĂ€ngig zu sein. Klammern und das GefĂŒhl, der Situation völlig wehrlos und absolut als Opfer ausgeliefert zu sein, und ich kann dann eigentlich nur anfangen, wie wild zu rudern und mich wahnsinnig anzustrengen. Wenn es zum Beispiel um einen Konflikt geht und ich Angst habe, dass der andere den Kontakt abbricht, da strenge ich mich unmenschlich an, um diesen Konflikt mit diesem Menschen zu lösen, aus lauter Angst, verlassen zu werden. Ich suche noch nach konstruktiven Lösungen, obwohl es eigentlich dran wĂ€re zu sagen: “Du verdammtes Arschloch, hau endlich ab und laß Dich hier eine Woche nicht mehr sehen”.

Wenn jemand geht, scheint es ĂŒberlebenswichtig, ihn in die Beziehung zurĂŒckzuholen. Wir sagen von Vieren , Ihr hĂ€ttet einen push-pull -Stil in Beziehungen (Wegstoßen und Anziehen). Wir hören von Dir gerade mehr den pull- Teil (das an sich Ziehen des Partners). Gibt es Beispiele fĂŒr den Push-Teil, wo Du Leute, die mit Dir in Beziehung sein wollen, eher wegstĂ¶ĂŸt?
Der push- Teil ist bei mir wirklich nicht so stark, aber ich glaube, daß ich manchmal Leute, die mir wohlgesonnen sind und die wirklich fĂŒr mich da wĂ€ren, nicht besonders gut behandle. Ich kann auch sehr gedankenlos sein und nur um mich kreisen und dieses Angebot dann von jemand anders gar nicht so wahrnehmen. Aber ich kenne von mir mehr den pull-Teil, vielleicht auch,weil ich ĂŒberwiegend mit FĂŒnfer- MĂ€nnern zusammen war, weil man bei ihnen sicher sein kann, daß sie auch wieder von einem ablassen.

Du hast gesagt, daß das Ineinanderfließen der Herzen sehr wichtig ist. Wir ordnen die Vieren ja auch den Herztypen zu. Wie gehst Du mit GefĂŒhlen um?
Ich reagiere normalerweise sehr stark auf das meiste, was ich erlebe, sobald es meine GefĂŒhle anspricht, und das tut eigentlich vieles. Ich reagiere dann sehr stark, positiv wie negativ. Ich kann sehr gehĂ€ssig werden ĂŒber Leute, die mich sehr negativ berĂŒhren, ich kann dann wirklich sehr sehr boshaft werden. Ich kann sehr unmittelbar reagieren. Manchmal habe ich Schwierigkeiten, meine TrĂ€nen nicht zu weinen. Ich weine sehr schnell auch in Situationen, wo andere Leute das nicht tun wĂŒrden, weil man in dieser Umgebung nicht weinen darf. Es zieht mich alles an, was GefĂŒhle auslöst.

Starke GefĂŒhle nach allen Richtungen. Angenommen, Du wĂ€rst in einem starken GefĂŒhl von Schmerz und jemand, zum Beispiel ein Partner, wĂŒrde versuchen, Dir da heraus zu helfen, wie bist Du dann?
Wenn jemand sagt : “Ach, das ist doch gar nicht so schlimm “, oder auch nur irgendetwas in dieser Richtung, dann habe ich das GefĂŒhl, ich darf nicht so sein, ich darf jetzt nicht weinen, der kann das nicht haben. Ich werde dann noch trauriger, weil es mich so nicht geben darf. Es drĂŒckt den alten Knopf von ” Du darfst nicht so sein ” und dann ist es nur ein ganz kleiner Schritt zu ” Du darfst nicht sein, ich will dich nicht “. Da steckt sehr viel Abwertung drin, wenn jemand meinen Schmerz nicht einfach gelten lĂ€ĂŸt. Es wĂŒrde völlig ausreichen, wenn er andere das anerkennt ” Du bist jetzt einfach traurig, soll ich Dich in Ruhe lassen, oder sollen wir uns fĂŒr einen spĂ€teren Zeitpunkt verabreden und darĂŒber reden “, das wĂŒrde mir helfen.

Ist Dein Ratschlag an Partner oder Freunde, daß da auch ein StĂŒck Distanz eingebaut werden muß?
Ich kann das nicht gut haben, daß sich dann jemand auf mich stĂŒrzt, wenn es mir nicht gut geht.

Du machst dann diese wegstoßende Handbewegung?
Ja, da kriege da Angst, daß derjenige sich irgendwie an mir bedient, daß er zum Beispiel jetzt demonstrieren möchte, wie wichtig er fĂŒr mich ist, daß er mich gar nicht ernst nimmt.Wobei ich es schon toll finde, wenn jemand, dem ich vertraue und bei dem ich mich wirklich wohl fĂŒhle, sagt: ” soll ich Dich mal in den Arm nehmen? “. Das ist Musik in meinen Ohren, dann sag ich jaaaaaa. Und dann heule ich mal einen Moment an der Schulter, und dann ist es wieder gut. Und dann kann ich den Schmerz auch besser loslassen, dann muß ich ihn nicht so lange festhalten.

Wir haben jetzt einige der grundlegenden Lebensthemen besprochen. Fehlt etwas?
Ja. Die Bedeutung von Schönheit. Schönheit ist mein Thema. Design oder nicht sein. Dinge mĂŒssen schön sein. Es reicht allerdings, wenn es eine Art von Schönheit ist, die nur ich verstehe, es muß nicht eine nach außen demonstrierbare Schönheit sein. Ich finde auch manche Sachen schön, die sind schon wieder hĂ€ĂŸlich, so hĂ€ĂŸlich, daß es schon wieder etwas hat. Es gibt sicher verschiedene Typen, die auf verschiedene Arten von Schönheit abfahren. Ich bin am ehesten ein visueller Typ. Ich gucke vor allen Dingen, ich habe Fotoaugen, ich nehme Bilder wahr. Wenn zum Beispiel bei meinen SchĂŒlerInnen ein Kind dabei ist, was mich als besonders schön anrĂŒhrt, das kann ich mit Wonne anschauen. Einfach nur die Schönheit einer Person oder einer Sache genießen, ich muß das nicht besitzen oder haben wollen. Ich nehme es nur wahr, dieses Schöne, nehme es in mein Herz. Es ist Nahrung fĂŒr mein Herz.

Du hast das Stichwort ” Melancholie “(mentale Fixierung) genannt, könntest Du das ein bißchen ausbauen?
Bis vor kurzem hĂ€tte ich gesagt, ich bin ĂŒberhaupt nie melancholisch. Aber inzwischen – ich bin jetzt ca.10 Monate allein, ohne Beziehung – da kommen, wenn ich mich erinnere, so bittersĂŒĂŸe ZustĂ€nde, wo ich das Schöne erinnere, aber gleichzeitig das GefĂŒhl, daß ich das verloren habe. Ich unterscheide das von so einem heftigen Trauerschmerz, den ich oft gehabt habe in meinem Leben, aber so das SĂŒĂŸe, das kenne ich jetzt erst so richtig. Ein Freund, der vor vier Jahre von mir weggegangen ist, dem habe ich auch lange nachgetrĂ€umt. Wir haben keinen Kontakt gehabt wĂ€hrend dieser Zeit, und da habe ich mir oft ausgemalt, wo er war. Ich wusste nicht, was er da erlebt, aber ich bin da in Gedanken hingegangen und habe geschaut, wie es ihm geht.

Sehnsucht?
Das war eine sehr melancholische Sehnsucht, weil ich nicht wußte, ob wir uns ĂŒberhaupt je wiedersehen. Das BeschĂ€ftigtsein mit Abwesenden, die mir lieb sind, und bittersĂŒĂŸe Gedanken an diese Menschen. Ich kann in Gedanken sehr stark konzentriert sein auf Menschen, die nicht da sind, das kann ich sehr gut. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass letztens meine liebste Freundin nicht hier in der Stadt war und ich aus Versehen verkehrt herum auf die Autobahn gefahren bin und es wĂ€re die Richtung gewesen, wo sie wohnt, und da sind mir wirklich die TrĂ€nen in die Augen gestiegen und ich dachte “Mist, ich könnte die doch jetzt eigentlich besuchen fahren “, und das war ein ganz heftiges GefĂŒhl von “ach, wĂ€rst Du doch jetzt da und ach, könnte ich Dich doch jetzt sprechen “.

BittersĂŒĂŸe melancholische Sehnsucht, das hat auch einen Reiz?
Einen Reiz ? Das hat einen Reiz, wobei ich mich davon relativ schnell zurĂŒckpfeife und denke: ” Das fĂŒhrt jetzt zu nichts “.

Und wie ist es, wenn Menschen, nach denen Du Dich gesehnt hast, dann da sind?
Dann wird der Fokus schwĂ€cher, dann können wir zwar punktuell einen ganz starken, intensiven Kontakt haben und auch eine Stunde telefonieren, aber es kann auch sein, daß wir eine Woche ohne Kontakt sind, obwohl sie so nah ist und obwohl ich im Prinzip jeden Tag einfach mal rĂŒberfahren könnte.

Der Fokus wird stÀrker, wenn die Person weg ist?
Wenn sie ĂŒberhaupt nicht erreichbar ist oder nur am Telefon oder nur durch Briefe. (Aufmerksamkeitsstil)

Wenn sie da ist, ist der Fokus nicht mehr so darauf?
Ja, es ist nicht so, daß diese Frau dann weniger wichtig wĂ€re, aber meine Aufmerksamkeit geht dann stĂ€rker zu anderen Dingen.

Was bedeutet das Wort Neid (emotionale Fixierung) fĂŒr Dich?
Es bedeutet fĂŒr mich vor allem ein Ungleichgewicht der Wahrnehmung. Ich sehe jemanden oder etwas außerhalb von mir, der hat etwas, eine QualitĂ€t, die mir abgeht. Das Ungleichgewicht der Wahrnehmung besteht darin, daß ich diese QualitĂ€t vielleicht auch habe, aber sie nicht wahrnehme. Daß ich denke: ” Booh, wenn ich mal groß bin, dann möchte ich auch so sein, warum bin ich nur nicht so ? ” FrĂŒher habe ich Leute wahrgenommen, die entweder schöner waren oder interessanter als ich. Ich habe da ganz stark darauf fokussiert, schöne Frauen zum Beispiel, die irgendwelche Ă€ußeren QualitĂ€ten hatten, die ich nicht so hatte. Oder auch Erfolg oder Beliebtheit, oder ein semiprofessionelles Können in einem meiner Hobbys, oder mehr erlebt zu haben als ich, darauf konnte ich ganz neidisch sein.

Fast eine RĂŒckkehr zum Anfang : ich suche mir jemand Besonderen, aber dann leide ich darunter, daß sie hat oder zu haben scheint, was ich nicht zu haben scheine. Manchmal habe ich es tatsĂ€chlich nicht und manchmal habe ich es und es ginge darum, diesen Aspekt bei mir zu entdecken?
Es hat sich insofern verĂ€ndert, als sich mein Neid heute oft auf etwas anderes richtet, auf Menschen, die entspannt und gelassen sind, die der Wirklichkeit mit ihrer Wahrnehmung nahezukommen scheinen, auch Menschen, die eine tiefe Menschenliebe haben. Das ist wichtig. Menschen, die von einer eigentlich ganz unromantischen Liebe erfĂŒllt sind, die nichts Übersteigertes oder Exklusives hat, die einfach warmherzig und wohlwollend sind und das auch mit sich selber sind.

Irgendwie bleibst Du dabei einerseits in der Neiddynamik ” Sie haben etwas, was ich nicht habe “. Andererseits scheinst Du kurz davor, diese QualitĂ€ten auch bei Dir anzuerkennen?
Ich sehe das auch so. Ich habe es mir ein bißchen zur Gewohnheit gemacht, wenn ich beginne zu denken: ” Booh, das ist aber eine tolle Eigenschaft “, dann fĂ€llt mir der Spruch ein: ” If You can spot it, YouÂŽve got it ” ( wenn Du es irgendwo sehen kannst, dann trĂ€gst Du es auch in Dir ). Ich kann ja nur erkennen, was in mir einen antwortenden Teil hat, und es zeigt, daß da etwas bei mir ist, was auch entwickelt werden möchte.

Wenn wir gerade dabei sind: einer der höheren Aspekte der Nr. 4 ist Ausgeglichenheit, der andere ist UrsprĂŒnglichkeit. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Ich glaube, ich habe beides schon erlebt. Ich habe allerdings sofort die Tendenz zu sagen: ” 
.wenn auch nur ein bißchen ” und mich gleich in meiner Wahrnehmung zu reduzieren. Ich erlebe Ausgeglichenheit zum Beispiel darin, daß ich nicht mehr so viel auf mich beziehe, daß ich mich nicht so stark in den Augen der anderen spiegele, nicht mehr soviel schaue, wie mich der andere sieht und ob ĂŒberhaupt, sondern daß ich in mir bleibe und gucke: ” Was sehe ich “. Oder auch,wenn ich mich dabei beobachte, daß ich mich gerade wieder in ein intensives GefĂŒhl reinschraube, es mir so richtig herhole, dann schalte ich jetzt öfter um und sage zu mir: ” Das muß ich jetzt nicht haben, das muß ich mir jetzt nicht antun, es muß nicht so heftig sein “. Aber ich merke, die Versuchung ist immer wieder groß, es heftig und intensiv zu machen.

Du hast heute eine Wahlmöglichkeit, es nicht mehr so heftig zu machen?
Ja, sondern ( UrsprĂŒnglichkeit ) es da zu lassen, wo es ist, ein GefĂŒhl zum Beispiel. Es gibt aber auch Momente, wo ich dem nachgebe, weil es so viel Spaß macht, es grĂ¶ĂŸer zu machen. Ich bin zum Beispiel letztens auf dem Weg zur Arbeit an einem blĂŒhenden Busch vorbeigekommen. Da waren ganz unscheinbare kleine BlĂŒtchen dran. Die haben aber so prall und sonnig ausgesehen, da bin ich ganz nahe rangegangen und habe daran gerochen, und dann wird das auf einmal so ein Multimediaerlebnis, dann höre ich noch gleichzeitig die Vögel singen und sehe noch diese Blume vor mir, sehe die Sonne auf der Blume und dann fĂ€llt mir dazu noch ein Chor aus der “Schöpfung” von Haydn ein : “Denn er hat Himmel und Erde bekleidet in herrlicher Pracht”. Dann weiß ich genau, ich habÂŽs jetzt ĂŒbersteigert, aber schön warÂŽs trotzdem.

Bei der unscheinbaren BlĂŒte, die ihre eigene Schönheit hat, nahm das seinen Ursprung. Und natĂŒrlich macht es Spaß, alles zu intensivieren, aufzuweiten, grĂ¶ĂŸer zu machen, aber es gibt auch die Sehnsucht, es zu belassen, wo es ist, Deine Wahrnehmung möglichst nah am Hier und Jetzt zu belassen. Ist es das, was mit UrsprĂŒnglichkeit gemeint ist?
Dieser Busch ist ja voll mit diesen kleinen unscheinbaren BlĂŒten und fĂŒr meinen Schönheitssinn mĂŒĂŸten es ja gar nicht so viele sein. Ich sehe auf einmal, welche verschwenderische FĂŒlle da vor mir liegt und dann stehe ich davor und denke :”Das ist Reichtum”. Wenn es mir unmittelbar einleuchtet, wie reich ich bin oder wie reich meine Umgebung ist, das erlebe ich dann als ursprĂŒnglich, nicht als aufgeblasen, da komme ich ĂŒberhaupt erst einmal an die Wirklichkeit heran. Meine sonstige Wirklichkeit ist ja eher von Mangel beherrscht, von dem was gerade wieder fehlt.

Und in Deinem Beispiel kehrst Du zurĂŒck von der Welt des Mangels oder des kĂŒnstlich hergestellten, ĂŒbersteigerten Überflusses in den Reichtum der Wirklichkeit. Weder fehlt etwas noch muss etwas aufgeweitet werden, weil es eigentlich fehlt, denn es ist bereits genĂŒgend da?
Ja, genau. Ich mache immer wieder die Erfahrung, wenn ich wirklich im Hier und Jetzt bin, dann ist das Hier und Jetzt so reich, daß es reicht. Es ist mehr als genug.

Und kannst Du dann auch sagen “Ich reiche aus”?
Ich bin genug ? Das ist die höchste Seeligkeit. Dieser Moment, gerade in Situationen, wo ich versuche, mit Gewalt eine Meßlatte zu erreichen, die ĂŒber dem liegt, wo ich wirklich bin, wenn ich da sagen kann, das mußt Du jetzt nicht, Du reichst, Du bist auch so gut genug, das ist absolute Seeligkeit.

Wie bist du in Partnerschaft und wie geht man gut mit Dir um?
Meine Aufmerksamkeit geht sehr stark auf die emotionale Verbindung. Wenn ein Partner statt auf mich auf etwas anderes, zum Beispiel auf eine Aufgabe fokussiert ist, bin ich immer in Versuchung zu denken : ” Ich bin jetzt nicht wichtig “. Sobald der andere auf etwas anderes fokussiert und damit beschĂ€ftigt ist und dazu Gesichter macht, die ich nicht ganz deuten kann, dann liegt die Versuchung nahe zu denken: ” Hab ich was falsch gemacht ? Bin ich nicht gut genug ?” Ich glaube, sehr unbewußt habe ich dann versucht, die Aufmerksamkeit der anderen Person wieder zurĂŒckzuholen und irgendwie das GefĂŒhl zu erzeugen,der andere ist mit mir einverstanden. Das GefĂŒhl mußte ich haben, dann war alles OK.

Was hast Du gemacht, um die andere Person zurĂŒckzuholen?
Sehr intensiv werden im Ausdruck. Dinge, die ich zu sagen habe, besonders intensiv sagen, sodaß der Andere sich nicht entziehen kann. Ich glaube, das ist meine Masche. Mit einem FĂŒnferpartner, wenn der sich gerade zurĂŒckziehen will und ich noch intensiver werde, fĂŒhrt das natĂŒrlich zur Katastrophe. Ich baue das langsam ab, es beginnt mir mehr Spaß zu machen, zusammen mit einem Partner ĂŒber etwas nachzudenken oder zu planen, mich auf die Sache zu konzentrieren und mich ein bißchen rauszunehmen. Das ist fĂŒr mich eher eine ungewohnte Perspektive, wiewohl schön. Es macht Spaß.

Wie geht man gut mit Euch um? Die RatschlÀge zur Pflege des Viererhamsters?
In solcher Situation, wo ich Deine Aufmerksamkeit will und intensiv werde und eine gute Show hinlege und gleichzeitig merke, das bringtÂŽs bei Dir nicht, dann wĂ€re es gut, wenn Du sagen wĂŒrdest: ” Ich merke, dass Du gerade viel Aufmerksamkeit von mir haben möchtest, aber ich bin im Moment eigentlich ganz woanders. Können wir das vertagen ?” Und dann machen wir einen Zeitpunkt aus. Dadurch fĂŒhle ich mich nicht abgelehnt, sondern gesehen in dem, was ich will. Außerdem grenzt der andere sich dadurch ab und macht, daß ich ihn und seine BedĂŒrfnisse deutlicher sehe. Es entlastet mich davon, rauskriegen zu mĂŒssen, was jetzt eigentlich hier los ist und zu denken, daß irgendetwas an mir nicht stimmt.

Eine Therapeutin hat mir mal gesagt : “He, hör mir bitte zu und nimm mich ernst”. Es ist ganz wichtig, dass jemand sagt: “Ich möchte von Dir ernst genommen werden”. Wenn ich nur mit mir beschĂ€ftigt bin, von meiner Leidenschaft geritten, und meine Tunnelwahrnehmung von der Situation habe, und mein GegenĂŒber sagt : “Ich nehme das aber anders wahr”, das hilft mir sehr, da raus zu kommen. Das geht manchmal nicht ohne Schmerz ab, weil das auch das GefĂŒhl produziert, abgelehnt zu werden mit meiner Wahrnehmung. Da bin ich schnell dabei, mich abgelehnt zu fĂŒhlen. Da ist es mitunter dann hilfreich zu sagen: “Das hat mit unserer Beziehung nichts zu tun.”

“Es ist nichts falsch an Dir, aber nimm mich wahr und nimm wahr, daß ich die Dinge anders sehe”, das scheint hilfreich. Aber wie ist Deine Wahrnehmung manchmal “tunnelig”? Meine Annahme ĂŒber Vieren ist, dass Eure Wahrnehmung oft um Euch selbst kreist und die Aussenwelt nur eine geringe Rolle spielt, ist das so?
Ja, das ist so. Vor allem bei Situationen des Verlassenwerdens, oder bei der Abwesenheit von Freunden, bei allem, was intensive GefĂŒhle produziert, da kann ich mich ĂŒber GebĂŒhr lange aufhalten, und anderen damit wahnsinnig auf die Nerven fallen, weil ich dann nichts mehr wahrnehme außer diesen heftigen GefĂŒhlen.

Was wÀre noch hilfreich?
GrundsĂ€tzlich in jeder konflikthaltigen Situation rĂŒberbringen ” Ich habÂŽ dich noch lieb, Du bist noch auf dem Schiff, wir fechten das hier aus. “Es reicht eine Geste.Das ist wichtig als RĂŒckversicherung. Was mir sonst noch geholfen hat, war , wenn mir jemand gesagt hat: ” Ich brauche von Dir, daß du verlĂ€ĂŸlich bist.” Ich war oft unverbindlich auf eine blöde Weise und ich denke, dass ich immer noch die Tendenz dazu habe. Auf VerlĂ€sslichkeit bestehen ist deshalb so wichtig, weil da einerseits drinsteckt. ” Du bist fĂŒr mich so wichtig, dass ich das brauche ” aber auch ” Ich bin mir das wert, dass ich das einhalte “.

Was ist der Hintergrund der Unverbindlichkeit?
Ich bin frĂŒher sehr stark nach Impulsen gegangen,ein bißchen wie die Nr. 7 :” Das ist interessant und dann dies noch und jenes noch ” , und dann habe ich Sachen schleifenlassen. Ich habe auch Menschen eher benutzt. Der Satz traf zu “I love what You make me feel”: die GefĂŒhle, die Du in mir auslöst, finde ich toll, aber Du als Person bist nicht so entscheidend. Außerdem habe ich mich gar nicht ernst genommen. Dass ich jemand sein könnte, der fĂŒr einen Menschen wirklich wichtig ist, habe ich mir frĂŒher nicht zugetraut. Das ist doch eigentlich niemandem wichtig, ob es mich gibt, ob ich da bin oder nicht.

Welche weitere Entwicklungshinweise hast Du fĂŒr Vieren?
Menschen haben mir geholfen zu erkennen: der andere Mensch ist wichtig, als der, der er ist und nicht als das, was er mich fĂŒhlen macht und ich entwickle sehr viel mehr Selbstachtung und sehr viel mehr Achtung fĂŒr andere und fĂŒr das Anderssein der anderen.

Außerdem ist es hilfreich, etwas wirklich Wichtiges zu machen: ” Hier ist die Aufgabe und die muss getan werde, gut getan werden, es interessiert mich ĂŒberhaupt nicht, wie es mir dabei geht, nur das Ding zĂ€hlt ( Sicherheitspunkt Nr. 1 ), ich stehe nicht so sehr im Vordergrund.

Das wichtigste fĂŒr mich ist, zu merken, wann ich eine reale, aktuelle Situation innerlich verlasse und ich in mein Kopfkino gehe. Dann kann ich anhalten, mich hinsetzen, tief durchatmen, und in dem Moment lĂ€ĂŸt der innere Druck nach. Ich konzentriere mich auf meine körperlichen Wahrnehmungen und auf das, was ich mit allen 5 Sinnen um mich herum wahrnehme. Dann merke ich erst, wie es mir wirklich geht, was ich jetzt brĂ€uchte oder was ich in dieser Situation vernĂŒnftigerweise tun oder lassen kann ( lassen ist meistens das Beste ). Damit verlagert sich meine Selbstwahrnehmung vom Mangel, von der Tragik, vom Opfersein zu der Erkenntnis, daß ich die Wahl habe, etwas Sinnvolles zu tun und mir selbst und anderen nicht zu schaden. Dann richte ich meine Aufmerksamkeit bewußt auf alles, was gut tut und wofĂŒr ich dankbar bin. Von dem, worauf es mir ankommt, habe ich fast immer genug.