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Interview – Typ 5

Aktuelle BeitrÀge in Zeiten von Corona kann man hier lesen.

Der Enneagramm Typ 5 ist ein Kopf- und Angsttypus mit der Ansicht “Ich bin zu klein fĂŒr die Welt” Mit der Basiserfahrung einer Welt, die zu viel will und zu  wenig gibt, versucht er, mit seinen Energien, mit seiner Zeit und seiner Beziehungswilligkeit zu geizen und sich der auslaugenden Welt durch RĂŒckzug und Beobachtung zu entziehen.Er ĂŒbersieht dabei, dass ihn der RĂŒckzug mehr Energie und Lebensfreude kostet, als es die Anforderungen der Welt je tun wĂŒrden.

Die mĂŒndliche Tradition

Eingeleitet wird das Interview nach der mĂŒndlichen Tradition mit einer kurzen Geschichte aus dem Leben von Enneagramm Typ 5. Die Geschichten stammen aus der Feder eines Vertreters/Vetreterin dieses Typs,  sind also „typisch“. Deshalb kann es durchaus sein, dass manche Themen / Situationen Sie als Leser (ĂŒberhaupt) nicht ansprechen  vielleicht sogar Verwunderung auslösen. Beim Lesen des Interviews „klĂ€rt“ sich das fĂŒr Sie als Leser vielleicht auf.

Die Geschichte

WĂ€hrend dem Du dies liest, konzentriere Deine Aufmerksamkeit zunĂ€chst auf den Bauchraum, und spĂŒre den Atem im Bauchraum. Dies ist noch nicht FĂŒnfer-typisch, aber es dient dem Vergleich. Nun nĂ€mlich ziehe all Deine Aufmerksamkeit in Deinen Kopf und halte den Atem an. Danach atme nur flach weiter.

Bleib in Deinem Kopf, halte ihn beschĂ€ftigt mit Gedanken, Erinnerungen, Geschichten, PlĂ€nen. Hier lebst Du als FĂŒnfer. Es ist ein sicherer Platz. Niemand kann Dich hier heraus holen, niemand kann hier hinein kommen. Hier in Deinem Kopf kann man Dich nicht auslaugen. Auf diese Weise, glaubst Du, bewahrst Du Deine Energie.

Ein Freund erscheint und lĂ€dt Dich zu einem Spaziergang ein. Panik kommt auf. Ein inneres Tauziehen beginnt: ein Teil von Dir fĂŒhlt sich aufgefordert, mit dem Freund etwas draußen in der wirklichen Welt zu tun und körperlich aktiv zu sein. Ein anderer Teil will darĂŒber erst einmal nachdenken, will nicht heraus kommen, will drinnen bleiben.

Der Freund lĂ€dt Dich nach draußen ein, aber Du willst Dich in Dich zurĂŒckziehen. Das ist ein innerer Kampf, das zehrt an Deiner Energie, das ist Dein ewiger Konflikt.

 

Das Interview

Gab es etwas in dieser Geschichte, das Dir typisch fĂŒr Dich erscheint?
Das GefĂŒhl von Panik, wenn jemand vorbeikommt und meine Einsamkeit stört. Der Wunsch, innerlich zu sein und die Erfahrung, gegen den eigenen Willen herausgezogen zu werden. Außerdem ist das GefĂŒhl, durch die Anforderungen der Welt und die WĂŒnsche der Menschen ausgelaugt zu werden, sehr typisch fĂŒr mich.

Es löst einen inneren Kampf aus, wenn Dich jemand zu einem Spaziergang einlĂ€dt, sozusagen nach draußen?
Ja, weil es immer dieses GefĂŒhl gibt, daß ich das nicht möchte, daß meine Aufmerksamkeit nach außen gezogen wird. Die Einladung des Freundes fĂŒhlt sich schnell fĂŒr mich als Forderung an: ich soll etwas mit der Person tun. Um das tun zu können, muss meine Aufmerksamkeit aus meinem Kopf herausgehen, und ein Teil von mir will das nicht, will sich wieder in sich zurĂŒckziehen wie von einem Gummiband gezogen.

Der innere Kampf ist also zwischen ” draußen sein mĂŒssen ” und “drinnen bleiben wollen “, und dieser Kampf laugt Dich aus?
Ja, frĂŒher hĂ€tte ich gedacht: es sind tatsĂ€chlich die Menschen, die mich auslaugen. Heute bemerke ich, dass das Auslaugen daher kommt, dass ich körperliche und mentale Energie aufwenden muß, um mich drinnen zu halten, wenn mich jemand nach draußen einlĂ€dt. Wenn vielleicht jemand möchte, dass ich zuhöre, dann fĂŒhlt sich dieser Wunsch an, wie wenn jemand an einem Gummiband zieht, dessen eines Ende in mir befestigt ist. Es gibt eine gewisse Spannung, und diese Spannung kostet Energie, solange weder die andere Person loslĂ€ĂŸt und ihr Ansinnen aufgibt, noch ich es aufgebe, drinnen bleiben zu wollen. Ich verstehe.

Wie ist dann das Energieniveau als Nr. 5 im allgemeinen?
Es ist das GefĂŒhl, generell zu wenig Energie, Zeit und Ressourcen zu haben. Ich frage mich zum Beispiel immer, wie andere Menschen so lange arbeiten können. Sie haben ihren Arbeitstag, dann machen sie ihre Hausarbeit, dann planen sie Dinge und dies und das muß getan werden, und sie wollen noch ausgehen usw. Es fĂŒhlt sich immer an, wie wenn ich vielleicht nur 30% der Energie der anderen Menschen hĂ€tte. Das stimmt vermutlich nicht, aber so fĂŒhlt es sich an.

Zu dem wahrgenommenen Mangel an Energie trĂ€gt auch diese Bewegung in meinen Kopf hinein bei. Jeder Organismus hat die Tendenz, die Energie gleichmĂ€ĂŸig im Körper zu verteilen, sie auch auszubalancieren zwischen innen und außen. Aber wenn Du unentwegt in Deinem Kopf sein willst, mußt Du fast einen körperlichen Druck ausĂŒben, um Deine Energie in den Kopf zu drĂŒcken und sie da zu halten, wie in der Geschichte. Jeder, der diese Übung macht, bekommt vielleicht eine Ahnung, wie energiezehrend das ist, und wie wenig Energie Du nachgefĂŒllt bekommst, weil Du Dich von Deinem Körper und der Welt abgeschnitten hast.

Ich habe von diesem Abschneiden, dieser Spaltung zwischen Kopf und Körper bei den FĂŒnfen gehört. Kannst Du darĂŒber noch etwas mehr sagen?
Manchmal fĂŒhlt sich an wie eine Spaltung, wie ein körperlicher Block, zum Beispiel im Bereich des Zwerchfells. Ansonsten fĂŒhle ich eher, daß ich meine Energie nach oben treibe, sodass fĂŒr den Rest des Körpers keine mehr ĂŒbrig bleibt.

Heißt das, dass Du lieber allein bist?
Ja, obwohl ich langsam erkenne, daß ich mich ohne Menschen einsam fĂŒhle, war das frĂŒher doch nicht der Fall. Alleinesein, Dinge alleine zu tun, war immer die erste Wahl. Auch heute noch, wenn mich jemand fragen wĂŒrde, ob ich es vorziehe alleine oder mit Menschen zu sein, wĂŒrde ich immer antworten: “Lieber alleine.”

Das hat sicher auch damit zu tun, daß es anstrengend erscheint, mit anderen Menschen zusammenzusein. Welche Einstellungen kommen in Dir auf, wenn Du daran denkst, mit Menschen zusammen zu sein?
Menschen nehmen mir von meiner Zeit, von meiner Energie, von meinen Ressourcen weg und ich habe ohnehin zu wenig davon. Daher ist es wichtig , mit diesen Ressourcen sparsam umzugehen, weil es so wenig davon gibt. Wenn also jemand meine Zeit oder meine Aufmerksamkeit haben möchte, muß ich sorgfĂ€ltig darĂŒber nachdenken und damit haushalten.

Das muss es ja recht schwierig machen fĂŒr den Partner einer Nr. 5?
Kann ich mir gut vorstellen.

Wenn ich der Partner einer Nr. 5 wĂ€re, was wĂŒrdest Du dann von mir brauchen, um glĂŒcklich zu sein (“Hamsterpflege”)?
Das kommt darauf an. Wenn Du mit einer Nr. 5 lebst, die nicht allzu willig ist sich zu verĂ€ndern – wie alle Typen will auch dieser Typ sich die meiste Zeit nicht verĂ€ndern – in diesen Zeiten ist es wichtig, mein BedĂŒrfnis nach Alleine Sein, fĂŒr sich sein, nach Privatheit zu achten. Es ist auch wichtig, nicht in den Raum der Nr. 5 einzudringen, indem man zu viel spricht, zu laut ist, zu emotional ist, ohne zu fragen zu nahe kommen will. Man muß Signale geben, daß man die Privatheit achtet, sobald die Nr. 5 sie haben will. FĂŒnfer können sehr viel mehr NĂ€he haben, als man glaubt, insbesondere körperliche NĂ€he ist gut. Es muß aber diesen Respekt fĂŒr Privatheit geben, damit die Nr. 5 sich sicher genug fĂŒhlt, nahe zu kommen und wenn ein Partner das vermitteln kann oder signalisieren kann, dann ist uns das sehr hilfreich. FĂŒnfen achten auch die BedĂŒrfnisse anderer Menschen nach Privatheit und Abgrenzung, das ist einer unserer VorzĂŒge.

Du sagst, dass es fĂŒr die Nr. 5 schwierig sein kann, Emotionen des Partners auszuhalten. Wie sehr bist Du in Kontakt mit Deinen eigenen GefĂŒhlen?
In der Geschichte, wo der Freund uns zum Spaziergang einlĂ€dt, gibt es ja zum Beispiel ein GefĂŒhl: Panik kommt auf. Und der Umgang damit ist Ă€hnlich wie mit den meisten GefĂŒhlen. Es gibt ein bißchen ein GefĂŒhl, und dann wird es eingefroren, kontrolliert. Ich habe von anderen FĂŒnfern gehört, daß sie das GefĂŒhl in dieser Weise sozusagen aufbewahren, bis die Situation vorbei ist und sie alleine sind, und daß sie es erst danach richtig durchfĂŒhlen oder so richtig verdauen.

Bei mir habe ich eher den Eindruck, daß ich das GefĂŒhl einfriere, und nach der Situation kann ich es wieder auftauen, aber das ist dann gleichbedeutend mit dem Verschwinden des GefĂŒhls. In extremen Notsituation, wie zum Beispiel bei einem Unfall, ist das ganz praktisch. Wir können den Kopf behalten und sehen, was zu tun ist, wenn alle anderen nur noch wirr durcheinanderlaufen, aber in einer Partnerschaft ist es natĂŒrlich nicht so gut. Oftmals, wenn ich das GefĂŒhl einfriere, kann ich dann darĂŒber sprechen, und es ist auch wahr, aber wĂ€hrend ich darĂŒber spreche, fĂŒhle ich es nicht mehr in voller StĂ€rke.

FĂŒr Menschen, die viele GefĂŒhle haben, kann das also mit Euch schwierig sein, weil sie vielleicht möchten, dass Ihr genausoviel GefĂŒhle habt wie sie. Aber GefĂŒhle sind fĂŒr Dich nicht leicht zugĂ€nglich?
Nein, wirklich nicht. Und wenn der Partner es dann noch als Forderung an mich stellt, GefĂŒhle zu haben, dann fĂŒhlt es sich so an, wie wenn ich es nicht tun kann oder gar kein GefĂŒhl habe. Es gibt dabei auch ein Ă€rgerliches Element von “ich will es Dir auch nicht geben”, selbst wenn ich wĂŒĂŸte, wie ich es tun sollte. So ein Ă€rgerliches Zusammenziehen: “Ich will nicht”.

Wenn Du nicht so sehr in Kontakt mit Deinem Körper und Deinen GefĂŒhlen bist, woher weisst Du dann ĂŒberhaupt, daß Du lebendig bist?
Ich denke viel, hauptsĂ€chlich durch Denken. Es muß ein FĂŒnfer gesagt haben: „Ich denke, also bin ich“. Ich fĂŒlle mein Gehirn mit Gedanken. Da ist es immer interessant.

Wenn also ein Partner mehr GefĂŒhle von Dir haben wollte, gibt es irgendeine Form, wie er das erreichen könnte?
Das ist wirklich schwierig. Sobald jemand auf GefĂŒhlen bestehen wĂŒrde, gĂ€be es dieses Zusammenziehen und diesen Wunsch ” nur weg von hier “. Es gĂ€be auch das BedĂŒrfnis, den Partner einzufrieren und zu kontrollieren, ebenso, wie man das eigene GefĂŒhl einfriert. Ich glaube eine typische Nr. 5 wĂ€re nicht sehr bereit, GefĂŒhle zu haben oder zu geben, wenn er nicht eine Menge Therapie hinter sich hat. Und obwohl ich eine Menge Therapie hinter mir habe, bin ich in meinem alltĂ€glichen Leben immer noch nicht sehr bereit, GefĂŒhl zu haben oder zu geben.

Aber es gibt ein paar Rahmenbedingungen, die ein Partner schaffen kann, um der Nr. 5 das FĂŒhlen zu erleichtern: Signale geben, daß der Wunsch nach Privatheit respektiert wird. Ich muß nicht notwendigerweise stĂ€ndig alleine sein, aber ich muß vom Partner wissen, daß, wenn ich alleine sein will, das fĂŒr ihn OK sein wird, dann können wir zusammen sein. Solange es eingefordert wird, und es eine Art “Ziehen” oder “Druck ” von außen gibt, wird der Partner nicht sehr viel NĂ€he oder gar unsere GefĂŒhle bekommen. Wenn wir dagegen wissen, daß es in Ordnung ist, alleine zu sein, dann können wir auch ganz schön nahe sein. Es gibt zum Beispiel in mir ein starkes BedĂŒrfnis nach körperlicher NĂ€he und körperliche NĂ€he ist dann auch fĂŒr mich die Grundlage, GefĂŒhle zu haben.

Auch, aber nur manchmal, wenn ein Partner sehr auf Beziehung besteht und mich kontinuierlich fragt, was ich fĂŒhle, dann steigt zunĂ€chst meine Abwehr und ich will weg, wenn es aber dann so weiter geht, bricht meine Abwehr auch zusammen und ich habe GefĂŒhle.Dann fĂŒhle ich mich seltsamerweise auch mit meinen GefĂŒhlen sicher und komfortabel, aber vorher nicht.

Es tut mir leid, den Partnern der Nr. 5 sagen zu mĂŒssen, daß es keinen wirklich guten Trick gibt, den Partner in GefĂŒhle zu versetzen. Man kann aber einige gute Rahmenbedingungen dafĂŒr setzen.

Dieses Zusammenziehen, von dem Du sprichst, hat das etwas mit den Fixierungen der Nr. 5, Geiz und Habsucht zu tun?
Ja, ich glaube schon. Seitdem ich mich bewusster wahrnehme, scheint es mir wie ein Muskel in mir, der sich vor dem Kontakt mit der Umgebung zurĂŒckzieht. Dabei gehört schon mein Körper eher zur ” Umgebung” , nur der Geist nicht. Und diesen RĂŒckzugsmechanismus bringe ich mit dem Wort Geiz in Zusammenhang. Wenn ich nĂ€mlich diesem RĂŒckzug Worte geben wĂŒrde, dann wĂ€ren sie : “Nein ich habe nicht genug davon (Zeit, Aufmerksamkeit, GefĂŒhle, Energie), ich muß Energie sparen, Zeit sparen. Aber auch: “Nein, Du kriegst das nicht von mir”. Es gibt da auch eine aggressive Komponente bei diesem Geiz.

FrĂŒher hĂ€tte ich zum Thema Geiz immer gesagt, das ist kein materieller Geiz, eher einer in Bezug auf Zeit und Energie, aber langsam bemerke ich, daß ich auch in materieller Hinsicht sehr geizig bin. In meinem letzten Auslandsurlaub hatten wir ein Apartment. Und fĂŒr den Gasherd haben sie uns eine Schachtel Streichhölzer hingelegt und ich habe bemerkt, daß ich die Streichhölzer gezĂ€hlt habe, um herauszubekommen, ob sie fĂŒr den ganzen Urlaub reichen wĂŒrden. Ich habe ausgerechnet, daß vermutlich sogar eines ĂŒbrigbleiben wĂŒrde. Sehr beruhigend, denn ich wollte nicht in ein GeschĂ€ft gehen und eine neue Packung oder ein Feuerzeug kaufen. Das ist auch dieses ZurĂŒckziehen, der Geiz: es scheint besser, mit wenig auszukommen, als viel zu brauchen.

Es gibt aber noch eine Ebene darunter. Wenn ich in ein GeschĂ€ft ginge und Streichhölzer kaufen wĂŒrde, dann mĂŒĂŸte ich ja mit der Welt in Kontakt treten, mit den Menschen, ich kenne ja ihre Sprache nicht, ich spreche sie nicht, auch haben sie Verhaltensweisen, die ich nicht genau einschĂ€tzen kann. Daher versuche ich, es zu vermeiden. Ich versuche, mit wenig auszukommen, damit ich mich nicht mit der Welt befassen muß. Und natĂŒrlich war das jetzt ein Auslandsaufenthalt. Der Satz “ich spreche die Sprache der Menschen nicht” gilt aber im Prinzip ĂŒberhaupt: daß ich nicht die Sprache der Menschen spreche, nicht weiß , wie ich damit umgehen soll. NatĂŒrlich stimmt das nicht, aber so fĂŒhlt es sich an.

Die erste Idee ist : “Ich weiss nicht, wie das geht”?
Und es ist auch Teil des Geizes, daß ich nicht in solche Situation kommen möchte, in der ich empfinden wĂŒrde, dass ich nicht weiss, wie es geht.

Was noch sollten Partner von FĂŒnfen wissen?
Man sagt von uns hĂ€ufig, wir wĂŒrden ĂŒberheblich arrogant oder kritisch wirken. Wir mögen so rĂŒberkommen, aber die Partner sollten wissen, daß wir uns der Welt in Wahrheit unterlegen fĂŒhlen, kleiner als die Welt. Wenn ein Partner von einer Nr.5 kritisiert wird, dann meist aus GrĂŒnden der Abwehr und es bedeutet eigentlich “Du bist mir zu nahe gekommen, ohne zu fragen” oder “Du hast zu viel von mir gefordert”. Und immer, wenn wir den anderen kritisieren, ist es nicht Kritik, die wir wollen, weil wir eigentlich nicht besonders fehlersuchend oder kritisch sind, sondern wir können kritische Dinge sagen, weil wir den Partner auf Abstand halten wollen. Nimm also den Inhalt der Kritik nicht so wörtlich, sondern denke Dir “Der Kerl beißt, weil er Angst hat, dass ich zu nahe komme”.

Außerdem scheint es, dass wir Kontakt vermeiden. Partner sollten wissen, dass das nicht heißt, dass wir Euch nicht gerne bei uns haben. Es ist nur diese Angst vor dem ausgelaugt werden oder dass jemand unsere Grenzen nicht achtet. Das bevorzugte Bild einer FĂŒnf von Partnerschaft ist, RĂŒcken an RĂŒcken an einem Strand zu sitzen und jeder liest ein Buch. Es ist sehr wichtig, diesen körperlichen Kontakt zu haben, solange es sich nicht wie ein Eindringen anfĂŒhlt. Und auch wenn wir Eure Kontaktversuche immer erst einmal abwehren, sind wir doch auf lange Sicht dankbar, wenn ihr es respektvoll immer wieder versucht.

Wenn wir uns lange nicht melden, heißt das fĂŒr uns nicht, daß die Freundschaft abgebrochen ist. FĂŒnfen behalten Freunde praktisch ewig im Kopf und unterhalten sich mit ihnen tĂ€glich. Wir haben allerdings diese naive Vorstellung, dass das ausreicht. Der Freund ist in unserem Kopf so lebendig, warum ihn also anrufen oder ihn in der RealitĂ€t sehen. Wir sehen einfach keine Notwendigkeit, Freunde wirklich zu treffen. NatĂŒrlich mĂŒssen FĂŒnfen lernen zu sehen, wieviel Leid sie dadurch fĂŒr diejenigen produzieren, die uns nahe sein wollen, aber es mag fĂŒr den Partner doch hilfreich sein zu wissen, dass er nie vergessen wird.

Wie wirken sich die grundlegenden Themen der Nr. 5 in Arbeitsbeziehungen aus?
Meine Lieblingsposition in Arbeitsbeziehungen wĂ€re es, sozusagen der weise Berater hinter einer AutoritĂ€t zu sein. Jemand, dessen Wissens- Denk- und Wahrnehmungsbreite gewertschĂ€tzt wird. Ich habe oft sehr schnelle und unmittelbare Ideen ĂŒber Arbeitsprojekte, aber FĂŒnfen haben nicht genĂŒgend Weltorientierung, nicht genĂŒgend Energie (so fĂŒhlt es sich jedenfalls an), um diese Ideen in der Welt umzusetzen. Jemand anders sollte das tun. Aber wenn jemand einen Ideenlieferanten braucht, einen Durchdenker, auch einen Langzeitplaner, Langzeitentwickler, da sind wir gut. Wenn mich jemand allerdings auffordern wĂŒrde: Mach dieses Projekt in einer kurzen Zeit erfolgreich, dann wĂŒrde ich mich ĂŒberfordert fĂŒhlen. Ich hĂ€tte exzellente Ideen darĂŒber, wie das zu bewerkstelligen sei, aber jemand anders sollte es verwirklichen.

Außerdem, solange ich in meinem FĂŒnferschema bin, scheue ich Positionen im Vordergrund, in der Öffentlichkeit, auf der BĂŒhne, weil die öffentliche Sichtbarkeit sich sehr unbehaglich anfĂŒhlt.

Was hat Dir geholfen, Dich persönlich weiterzuentwickeln?
Meine erste, automatische Reaktion auf diese Frage ist: ” Ich habe mich nie weiterentwickelt.” Das ist sehr typisch fĂŒr eine Nr.5. UnabhĂ€ngig davon, wie groß die wirkliche Entwicklung auf einem Gebiet ist, werden wir immer wieder darauf bestehen, daß sie nicht stattgefunden hat.

Aber trotzdem: es hat mir geholfen zu ĂŒben, mit meiner Aufmerksamkeit in meinen Körper zurĂŒckzukommen. Ich bekomme dadurch mehr Energie und mehr Verbindung zur Welt. Ich werde nicht notwendigerweise freundlicher dadurch, eher auch territorialer, leichter wĂŒtend, offen kontrollierend, auch mehr sexuell, aber es gibt dann zumindest eine starke Verbindung zur Welt und das hilft mir, aber ich muß es auf einer tĂ€glichen Basis ĂŒben (Sicherheitspunkt Nr. 8).

Wie kannst Du das ĂŒben, die Aufmerksamkeit in Deinen Körper zu lenken?
Zum Beispiel als Meditation oder auch bei beliebigen TĂ€tigkeiten, mich fĂŒr eine Zeit darauf zu konzentrieren, wie ich im Bauchraum atme. Außerdem hilft alles, was mit Körperbewegung zu tun hat.

Ich habe solche körperlichen TĂ€tigkeiten hilfreich gefunden, bei denen man hinfĂ€llt, wenn man zu denken anfĂ€ngt, zum Beispiel Schlittschuhlaufen. Ich habe herausgefunden, obwohl ich sehr spĂ€t damit angefangen habe, daß mein Körper weiß, wie das geht. Es ist nicht perfekt, aber macht eine Menge Spaß. Und sobald ich darĂŒber nachdenke, wie man es am besten tut oder meine Gedanken woanders spazierengehen, falle ich unvermeidlich hin.

Es ist ein wirklich gutes Training, etwas zu tun, bei dem Denken einen auf die Nase fallen lĂ€ĂŸt. Schwimmen war nicht so gut, weil ich endlos schwimmen kann und denken gleichzeitig. Aber auch lange SpaziergĂ€nge sind gut: Dabei kann man mit der Aufmerksamkeit schön hin und her pendeln, etwas nachdenken, dann wieder in den Körper und in die Landschaft zurĂŒckkommen mit der Aufmerksamkeit, dann wieder ein bißchen denken, und unter dem Strich gibt es dadurch eine grĂ¶ĂŸere Hinwendung zum Körper und zur Welt ( Anklang von ” non-attachment ” als höherem emotionalen Zustand der FĂŒnf ).

Die Arbeit mit der GefĂŒhlswahrnehmung muß wahrscheinlich eine therapeutische Arbeit sein. Sie sollte beginnen mit Körperwahrnehmung, durchaus auch mit körperlichem Gehaltenwerden mit der Erlaubnis, alle GefĂŒhle auszudrĂŒcken. Ich werde dabei natĂŒrlich höchst mißtrauisch sein, ob der Therapeut meine Grenzen ĂŒberschreiten wird, durch Interpretationen, durch Ratgeben, durch Hausaufgaben usw. Ich muß die Erfahrung haben: ” Hier ist ein GefĂŒhl, und nun will ich es haben .” Solange es gefordert ist, etwa durch die impliziten Therapieregeln, geht gar nichts und die Kontraktion, der RĂŒckzug beginnt.

Einer der höheren Aspekte des Enneagramm Typ 5 heißt auf englisch “non-attachment” ( “Nichtanhaftung”). Was ist damit gemeint und hast Du damit irgendwelche Erfahrungen?
Die normale Haltung der Nr. 5 ist “detachment”, das heißt, sich aus der Welt raushalten, sich abspalten von der Welt. Non-attachment ist fĂŒr mich die FĂ€higkeit, in die Welt und zu den Menschen zu gehen und mit ihr/ihnen zu verschmelzen, wie es die eher beziehungsorientierten Typen automatisch tun, dann aber und dann erst sich wieder herauszunehmen. Non- attachment ist die FĂ€higkeit zur Bewegung hinein und heraus, in der Welt sein zu können und außerhalb.

FĂŒnfen sitzen hier oft einer Verwechslung auf. Sie verwechseln ihr automatisches detachment, ihre Abspaltung, mit der erleuchteten Haltung des non-attachment. Ich habe viele Partner von FĂŒnfen sich darĂŒber beschweren hören, dass die FĂŒnf denkt ( Selbstideal ), sie sei weise, weltabgewandt und erleuchtet, aber es ist eine völlige Perversion dieser Idee, es ist ein Irrweg und er hat in der Partnerschaft hohe Kosten.

Die Entwicklungsrichtung der FĂŒnf ist also, mehr in den Körper und in die Welt zu kommen, aber auch fĂ€hig zu bleiben, sich wieder von ihr zu trennen, die Wahl zu haben.
Die meisten meiner Erfahrungen mit non- attachment begannen mit körperlicher Bewegung in der Natur, weil die Natur nichts von mir will. Sie ist mit ihrer Schönheit einfach da, wartet sozusagen und lockt, daß ich mich ihr nĂ€here. So kann ich ein wenig in sie hineingehen, dann aber wieder zu meinen Gedanken, in meinen Kopf zurĂŒckkehren, dann wieder hinaus, um mich vielleicht zu orientieren in der Landschaft, man will ja nicht gegen einen Baum rennen, weil man stĂ€ndig vor sich hin denkt. Und es ist schön da draußen, schöne Landschaft, also willst Du draußen sein. Und das ist der eigentliche Punkt: daß es mir hilft, draußen sein zu wollen und die Frage aufkommt: ” Was will ich von der Welt” eher als umgekehrt: ” Was will die Welt von mir und wie ist mir das zuviel ” ( Aufmerksamkeitsrichtung ).

Zu merken, daß die Welt und die Menschen Dir etwas geben können, und nicht, dass sie etwas wegnehmen wollen, diese Wahrnehmung hilft Dir zum non-attachment?
In meiner zurĂŒckgezogenen, abgespaltenen Art wĂŒrde ich normalerweise denken: ” Ich brauche nichts. Ich will nichts von der Welt. Die Welt ist nicht so beschaffen, daß ich irgendwas von ihr bekommen kann.” Wenn ich aber zu dem Punkt kommen kann, wo ich an die Welt ein Anliegen formuliere: ” Ich brauche Hilfe. Bitte! Ich kann es nicht mehr alleine. Ich brauche, möchte etwas von Dir “, dann urplötzlich habe ich eine Erfahrung – manchmal kleiner, manchmal grĂ¶ĂŸer – von non-attachment.

Das andere Wort ist in diesem Zusammenhang ist Allwissen (höherer mentaler Zustand). Könntest Du erklÀren, was das ist?
Das hat fĂŒr mich verschiedene Aspekte. ZunĂ€chst, auf der Ebene meiner automatischen Persönlichkeit, habe ich den Eindruck, ich muß noch mehr wissen, bevor ich genĂŒgend weiß, um in der Welt handeln zu können. So hĂ€ufe ich Wissen, Gedanken, geistige Systeme an. Diesen Aspekt nennen wir die Habsucht der Nr. 5.

Der höhere Aspekt geht so: Wenn ich bemerke, dass  ich bereits genug weiss, um handeln zu können, dann entspanne ich mich sehr und kann mich auf die Welt einlassen ( non-attachment ). Zum Beispiel rĂŒhrte es mich sehr, als eine befreundete Therapeutin mir nach einem meiner Seminare sagte: ” Du hast alles,was es braucht.” Ich glaube, wenn ich mir das klarmachen kann, das ist dann sehr hilfreich.

Auch der Aspekt von Allwissen, daß alles, was ich brauche und wissen möchte, da ist, aber ” da draußen ” in meinem Körper und in der Welt, außerhalb meines Geistes, daß ich also hinaus muß aus meinem Geist, hinein in die Welt. Auch das stĂŒtzt das Einlassen auf die Welt, das non-attachment.

HĂ€ttest Du einen Rat fĂŒr einen jungen Menschen des Enneagramm Typ 5?
Was ich in meinem Leben am meisten bedauere, ist, daß ich immer mehr meiner Angst als meiner Lust gefolgt bin. Ich wĂŒrde gerne meinem jĂŒngeren Selbst sagen: geh hinaus in die Welt und versuche, dort Spaß zu haben, bevor Du versuchst, abgehobenes Wissen zu akkumulieren. Versuche, eine Gier auf das Leben zu entwickeln, eine Lebenssehnsucht, lerne Frauen kennen, experimentiere herum, selbst wenn Du eine Menge Angst dabei hast.

Ein anderer Rat wĂ€re folgender: es gibt dieses Element, dass ich meinem Denken und meiner Intuition nicht traue. Keiner meiner Intuitionen, weder der des Kopfes noch des Herzens noch des Bauches. Ich weiß heute, daß ich eine ziemliche Intuiton habe, aber ich habe mir da nie getraut. Mein Rat an die jĂŒngere FĂŒnf wĂ€re: Traue Deiner Intuition. Traue Deinem Denken, traue Deinem Herzen, traue Deinen körperlichen Wahrnehmungen. Trau all diesen Intuitionen, das wĂ€re mein Rat.